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War Marx Philosoph? Manche Marxisten dürften diese Frage wohl schon deshalb abwegig finden, weil sie irgendwann mit marxistischer Philosophie konfrontiert waren, was kaum möglich gewesen wäre, wenn es sich bei Marx nicht um einen Philosophen gehandelte hätte. Allerdings gibt es auch die Meinung, daß Marx’ Leistung nicht so sehr im Philosophischen zu suchen sei als vielmehr in seiner ökonomischen Analyse des Kapitalismus in seinem Hauptwerk, dem »Kapital«. Vielen ist ja auch bekannt, daß Marx durchaus abwertend der Philosophie vorgeworfen hat, daß sie die Welt nur auf verschiedene Weise interpretiert habe, daß es aber darauf ankomme, sie zu verändern. Sein engster Freund und Mitstreiter, Friedrich Engels, hat bekanntlich sogar vom Ende der Philosophie gesprochen. Er war der Meinung, »wenn Natur- und Geschichtswissenschaft die Dialektik in sich aufgenommen, wird all der philosophische Kram – außer der reinen Lehre vom Denken – überflüssig, verschwindet in der positiven Wissenschaft.« (MEW 1, S. 480) Auf der Suche nach einer Antwort mag es sinnvoll sein, erst einmal einen Blick auf die Phase der Formierung des Marxschen Denkens zu werfen.
Das Denken des jungen Marx war zunächst vorrangig philosophisch geprägt. Es war vor allem die Philosophie Hegels, die ihn wie so viele andere in ihren Bann gezogen hatte, was ihn nicht hinderte, schon frühzeitig ein kritisches Verhältnis zu ihr zu entwickeln. Nicht zuletzt unter dem Einfluß der materialistischen Philosophie Ludwig Feuerbachs löste er sich nicht nur von der Hegelschen Philosophie, sondern auch von den Junghegelianern, denen er sich zunächst zugewandt hatte. Diese Loslösung von Hegelscher Philosophie bedeutet allerdings keineswegs, daß er sie in Bausch und Bogen verworfen hätte. Im Gegenteil, sein Leben lang hat er in der von Hegel systematisch entwickelten Dialektik eine der entscheidenden Leistungen der mehr als zweitausendjährigen Geschichte der Philosophie gesehen. Seine Ablehnung galt dem idealistischen System Hegels, nicht zuletzt deshalb, weil es aus seiner Sicht nicht so sehr auf eine Erfassung der wirklichen Welt und ihrer Probleme als vielmehr auf das Reich der Gedanken orientierte. Obgleich er dabei wohl übersah, daß auch das philosophische System Hegels zutiefst dialektisch gefaßt war, war diese Ablehnung in erster Linie ein Schritt zu einer bewußt materialistisch gefaßten Dialektik.
Um die wirkliche Welt
Die Motivation für seine gedankliche Entwicklung in diese Richtung war nicht allein und nicht so sehr ideengeschichtlicher Natur als vielmehr der unmittelbaren Konfrontation mit der sozialen Wirklichkeit geschuldet, zu der ihn vor allem die Tätigkeit als Redakteur der Rheinischen Zeitung gedrängt hatte. Sein Eintreten für Angehörige unterer Volksschichten im Konflikt mit Vertretern der besitzenden Klassen und des deren Interessen vertretenden Staates schärften nicht nur seinen Blick für die Konfrontation zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, sondern auch für den sachlichen oder objektiven Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse. So wendet er sich in seinem Aufsatz zur Verteidigung der Weinbauern an der Mosel dagegen, »die sachliche Natur der Verhältnisse zu übersehen und alles aus dem Willen der handelnden Personen zu erklären« (MEW 1, S. 177). »Es gibt«, wendet er dagegen ein, »aber Verhältnisse, welche sowohl die Handlungen der Privatleute als der einzelnen Behörden bestimmen und so unabhängig von ihnen sind als die Methode des Atemholens« (ebd.). Hier wurde von Marx bereits ein Gedanke antizipiert, der für sein späteres materialistisches Geschichtsbild entscheidend sein sollte, die Erkenntnis vom objektiven Charakter der grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer Entwicklung.
Der Übergang zu einer materialistischen Sicht auf die Welt war vor allem aus dem Bestreben erwachsen, die Welt aus sich selbst und nicht allein aus Gedanken über sie zu erklären. Engels, der engste Gefährte auf diesem Wege, hat später rückblickend ihren neu gewonnenen materialistischen Standpunkt so charakterisiert: »Das heißt, man entschloß sich, die wirkliche Welt – Natur und Geschichte – so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt, der ohne vorgefaßte idealistische Schrullen an sie herantritt; man entschloß sich, jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer zu bringen, die sich mit den in ihrem eigenen Zusammenhang, und in keinem phantastischen, aufgefaßten Tatsachen nicht in Einklang bringen ließ. Und weiter heißt Materialismus überhaupt nichts«. (MEW 21, S. 292)
Diese Orientierung auf die Untersuchung der objektiven Wirklichkeit brachte den jungen Marx sehr bald dazu, sich den ökonomischen Verhältnissen im Leben der Gesellschaft zuzuwenden. So beschäftigt er sich immer mehr mit der Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie. Dies geht zunächst einher mit einer vertieften Auseinandersetzung mit der Hegelschen Philosophie. Das schriftliche Ergebnis sind die erst fast einhundert Jahre später unter der Bezeichnung »Ökonomisch-Philosophische Manuskripte« veröffentlichten, von Marx selbst nicht abgeschlossenen Niederschriften aus dem Jahr 1844 dazu.
Entfremdungskritik
Im Mittelpunkt steht hier ein aus der Philosophie kommender Begriff, nämlich die Entfremdung. Nicht zuletzt deshalb hat diese Arbeit auch immer wieder als Grundlage dafür gedient, das Marxsche Werk in dem Sinne zu deuten, daß er hier eine philosophisch fundierte humanistische Sicht auf die menschliche Gesellschaft gewonnen habe. Seine weitere Entwicklung habe sich in der Folge mit der immer stärkeren Zuwendung zur Ökonomie mehr und mehr verengt, wodurch vieles Positive seines ursprünglichen Ausgangspunktes verloren gegangen sei. Eine solche Sicht wird der Leistung von Marx schon deshalb nicht gerecht, weil dieser bereits hier den philosophischen Entfremdungsbegriff in erster Linie zu einer Analyse ökonomischer Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens einsetzt.
Marx spricht hier allerdings tatsächlich von der wirklichen Aneignung des menschlichen Wesens, von der Rückkehr des Menschen in sich, was die Vorstellung von einem abstrakten Wesen des Menschen, welches verlorengegangen ist und wiedergewonnen werden muß, assoziieren kann, womit wir es dann mit einer höchst abstrakten spekulativen Konstruktion zu tun hätten. Ein gründlicher Blick auf den Marxschen Text läßt eine solche Interpretation jedoch nicht zu. Den von Hegel und Feuerbach übernommenen philosophischen Entfremdungsbegriff nutzt Marx hier zur Analyse des Begriffes der Arbeit unter kapitalistischen Verhältnissen. Diese Untersuchung dient ihm wiederum dazu, mit der Vorstellung vom Privateigentum als einer quasi naturgegebenen Einrichtung aufzuräumen. Marx charakterisiert die Arbeit unter den gegebenen Verhältnissen als entfremdete Arbeit. Er zeigt, daß dieser Begriff sehr komplex ist und eine Reihe grundlegender Verhältnisse der gegebenen Gesellschaft involviert. Entfremdet ist die Arbeit zunächst, weil sie dem Arbeiter das Produkt der Arbeit entfremdet, da es nicht ihm, sondern einem anderen gehört. Dies aber ist eine Folge davon, daß ihm im kapitalistischen Produktionsprozeß seine eigene Arbeit nicht gehört, daß sie für ihn nicht wesentliche Lebensäußerung, sondern eine äußerliche Tätigkeit, an einen anderen veräußertes Mittel zu seinem Lebensunterhalt ist.
Arbeit ist als spezifisch menschliche Tätigkeit universelle Tätigkeit im Unterschied zu der des Tieres, das genetisch auf eine bestimmte Tätigkeitsweise festgelegt ist. Diese ihre universelle Natur macht sie notwendig zu einer gesellschaftlichen, da sie sich erst in dieser voll entfalten kann. Die Entfremdung des Arbeiters von der eigenen Arbeit entfremdet ihn deshalb auch von seiner eigenen Gesellschaftlichkeit oder, wie Marx es zu jener Zeit formuliert, von seinem Gattungswesen. Diese Seite der entfremdeten Arbeit entfremdet den Arbeiter folglich sowohl von der Gesellschaft als auch von sich selbst als produktivem Wesen. Im Ergebnis unterliegt er der Selbstentfremdung ebenso wie der Entfremdung vom anderen und der Gesellschaft.
Zweifellos sind diese hier stark verkürzt wiedergegebenen Überlegungen des jungen Marx deutlich philosophisch geprägt. Dennoch geht es hier nicht einfach um eine philosophische Konstruktion. Marx geht von der kapitalistischen Gesellschaft aus, wie sie sich zunächst einem gesellschaftskritischen Blick bot: »Die Arbeit produziert Wunderwerke für die Reichen, (...) aber Verkrüppelung für den Arbeiter (...) Sie ersetzt die Arbeit durch Maschinen, aber sie wirft einen Teil der Arbeiter zu einer barbarischen Arbeit zurück und macht den andern Teil zur Maschine. Sie produziert Geist, aber sie produziert Blödsinn, Kretinismus für den Arbeiter.« (MEW 40, S. 513) Marx setzt die philosophische Analyse dazu ein, um ein solches Bild, welches sich dem unvoreingenommenen kritischen Betrachter bot, in seinen inneren, wesentlichen, auf der Oberfläche nicht zutage tretenden Zusammenhängen dem tiefer blickenden geistigen Auge aufzuschließen, um das Ganze dieser Zustände nicht nur zu sehen, sondern auch zu begreifen. Das ist die Hauptaufgabe, die sich in seiner eigenen Tätigkeit für ihn mit Philosophie verbindet.
Marx führt seine Analyse weiter, indem er fragt: »Wenn das Produkt der Arbeit mir fremd ist, mir als fremde Macht gegenübertritt, wem gehört es dann? Wenn meine Tätigkeit nicht mir gehört, eine fremde, eine erzwungene Tätigkeit ist, wem gehört sie dann?« (ebd., S. 518) Seine Antwort: »Durch die entfremdete Arbeit erzeugt der Mensch also nicht nur sein Verhältnis zu dem Gegenstand und dem Akt der Produktion als fremden, feindlichen Mächten; er erzeugt auch das Verhältnis, in welchem andere Menschen zu seiner Produktion und seinem Produkt stehen, und das Verhältnis, in welchem er zu diesen anderen Menschen steht« (ebd., S. 519) Und Marx fährt fort: »(...) so erzeugt er die Vorherrschaft dessen, der nicht produziert, auf die Produktion und auf das Produkt. Wie er seine eigene Tätigkeit sich entfremdet, so eignet er dem Fremden die ihm nicht eigene Tätigkeit an« (ebd.). Diesen Fremden nennt er den »Kapitalisten (...) oder wie man sonst den Arbeitsherrn nennen will« (ebd.).
Klassenantagonismus
Die weitgehend philosophischen Überlegungen von Marx zu Entfremdung und entfremdeter Arbeit führen ihn also unausweichlich zur Konfrontation zwischen Arbeiter und Kapitalist. Zugleich erschließen sie den für die materialistische Geschichtsauffassung fundamentalen Sachverhalt, daß der Arbeiter im kapitalistischen Produktionsprozeß mit seiner Arbeit nicht nur ein Produkt erzeugt, sondern auch »das Verhältnis, in welchem andere Menschen zu seiner Produktion und seinem Produkt stehen, und das Verhältnis, in welchem er zu diesen anderen Menschen steht«. Marx nähert sich damit auf philosophischem Wege der Einsicht in die bestimmende Rolle der Produktionsverhältnisse im Leben der menschlichen Gesellschaft. Auch zeichnet sich hier der nicht minder wichtige Gedanke ab, daß diese Verhältnisse letztlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte in ihrem Charakter bestimmt werden. Wenn nämlich Marx in jenem Abschnitt das Privateigentum aus der entfremdeten Arbeit herleitet und nicht umgekehrt, dann findet diese für manchen Leser der »Manuskripte« vielleicht unerwartete These ihre Erklärung eben darin, daß für Marx das Privateigentum, unter dem er das kapitalistische Eigentum versteht, aus dem Charakter der Arbeit als entfremdeter erwächst, der wiederum einem bestimmten Stand der Entwicklung der Produktivkräfte entspringt, wie er wenig später seine Gedanken präzisieren wird.
In der entfremdeten Arbeit und dem durch sie bestimmten Privateigentum erblickt Marx schon hier einen Widerspruch, der diese Verhältnisse notwendig zur Auflösung treibt: »Aber die Arbeit, das subjektive Wesen des Privateigentums als Ausschließung des Eigentums, und das Kapital, die objektive Arbeit als Ausschließung der Arbeit, ist das Privateigentum, als sein entwickeltes Verhältnis des Widerspruchs, darum ein energisches, zur Auflösung treibendes Verhältnis.« (ebd., S. 533)
Diese von ihren späteren Herausgebern durchaus treffend »ökonomisch-philosophisch« genannten Manuskripte haben nicht wenig dazu beigetragen, daß in ihrem Verfasser während der Arbeit an ihnen auch die Erkenntnis sich immer mehr vertiefte, daß philosophische Einsichten, sollen sie zu mehr dienen als nur zur Befriedigung rein intellektueller Bedürfnisse, einmünden müssen in die auch empirisch fundierte theoretische Realitätsuntersuchung. Bekanntlich hat Marx danach sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer mehr der konkreten Untersuchung der ökonomischen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft zugewandt, aus denen schließlich sein ökonomisches Hauptwerk »Das Kapital« hervorgehen sollte. Bedeutet das ein Abgehen von der Philosophie, indem er sich im weiteren auf gelegentliche philosophisch relevante Bemerkungen in seinen ökonomischen und politischen Schriften beschränkte?
Werfen wir unter diesem Gesichtspunkt noch kurz einen Blick auf dieses Werk. Manch einem Leser, der das erste Mal an dieses grandiose Opus herantritt, mag sich vielleicht wundern, daß in dieser Untersuchung des Kapitalismus auf den ersten einhundertfünfzig Seiten vom Kapitalismus so gut wie überhaupt nicht die Rede ist. Ja, mehr noch: viele ökonomische Sachverhalte, in denen uns das Kapital in der Realität entgegentritt, wie Preise, Profit, Profitrate, Zins, Kredit usw. werden im ganzen ersten Band des »Kapitals« kaum erwähnt. Statt dessen werden hier sehr ausführlich Begriffe höchst abstrakter Art wie konkrete und abstrakte Arbeit, Wert auf einer Abstraktionsebene, die wenig mit unserer Erfahrungswelt zu tun zu haben scheint, absoluter und relativer Mehrwert und viele andere höchst abstrakte Dinge behandelt. Ergibt sich dies möglicherweise aus einer stilistischen Eigenart des Verfassers oder aus einer überflüssigen Umständlichkeit der Darstellung?
Vom Abstrakten zum Konkreten
Zum Glück hat uns Marx selbst darauf eine Antwort gegeben. In der von Marx zwar verfaßten, aber damals nicht veröffentlichten Einleitung zu seiner überaus wichtigen Vorarbeit zum »Kapital« die unter dem Titel »Zur Kritik der Politischen Ökonomie« 1859 erschienen war, hat Marx sich ausdrücklich zu seiner Methode in der Politischen Ökonomie geäußert, womit auch die gerade erwähnten Eigenarten in der Struktur des »Kapitals« ihre Erklärung finden. Die von Marx dort charakterisierte Methode theoretischer Erkenntnis ist die des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten. Das mag auf den ersten Blick verwundern, da sich im theoretischen Denken der umgekehrte Prozeß zu vollziehen scheint, nämlich von der konkreten Anschauung und Vorstellung des zu erkennenden Gegenstandes zu dessen abstrakten theoretischen Bestimmungen. Das stimmt auch insofern, als der Ausgangspunkt der Erkenntnis allerdings der reale Gegenstand ist, so wie er uns in der sinnlichen Anschauung und Vorstellung gegeben ist. Aber diese liefern noch keine Erkenntnis des Gegenstandes, sondern nur eine mehr oder weniger genaue Vorstellung von ihm. Ihn zu erkennen oder zu begreifen, bedeutet, ihn in seinen inneren notwendigen und wesentlichen Zusammenhängen und in der Einheit von äußerer Erscheinung und innerem Wesen zu erfassen. Da die sinnliche Anschauung dies nicht leisten kann, eben weil sie Anschauung ist, reduziert sie unsere Kenntnis vom Gegenstand auf einige äußere Eindrücke von ihm, so daß sie – vor allem bei komplexen und komplizierten Gegenständen – recht arm an den Gegenstand charakterisierenden Bestimmungen bleiben muß. Das ist genau das, was Marx als abstrakt bezeichnet, nämlich bestimmungsarm. Deshalb ist die Erkenntnis eines solchen Gegenstandes, so weit sie sich auf die Anschauung und Vorstellung beschränkt, abstrakte Erkenntnis. Abstrakt im Sinne von bestimmungsarm sind auch die einzelnen Elemente, Bestimmungen und partiellen Zusammenhänge eines Ganzen, zu denen wir durch dessen Analyse zunächst gelangen. Auch sie sind im Verhältnis zum zu untersuchenden Ganzen bestimmungsarm. Um zu konkreter Erkenntnis zu kommen, gilt es, diese für sich genommen abstrakten Momente des Ganzen in ihrem notwendigen inneren Zusammenhang zu fassen und so das Ganze auf theoretische Weise geistig zu rekonstruieren. Die so gewonnene Erkenntnis ist erst konkrete Erkenntnis des Gegenstandes. Marx hat dies in der genannten Einleitung auf den Begriff gebracht: »Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen, im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und Vorstellung ist. Im ersten Wege wurde die volle Vorstellung zu abstrakter Bestimmung verflüchtigt; im zweiten führen die abstrakten Bestimmungen zur Reproduktion des Konkreten im Weg des Denkens« (MEW13, 632). Das Konkrete ist für Marx also die Einheit des Mannigfaltigen. Um zu konkreter Erkenntnis zu gelangen, muß die theoretische Analyse von den abstrakten Bestimmungen zu deren Einheit aufsteigen, wobei diese nichts anderes ist als die geistige Reproduktion des inneren notwendigen Zusammenhangs des zu untersuchenden Gegenstandes.
Eben darum handelt es sich im »Kapital« von Marx. Er beginnt bekanntlich seine Untersuchung mit einer Analyse der Ware als solcher. Für sich genommen ist sie ein abstraktes Moment im System der kapitalistischen Produktionsweise, von deren Analyse ausgehend Marx zu immer konkreteren Bestimmungen aufsteigt. Dazu bedarf es zunächst der konkreteren Bestimmung der Ware, was über die Charakterisierung von Gebrauchswert und Tauschwert erfolgt und zur Bestimmung des Wertbegriffes führt. Das geschieht über die Unterscheidung von konkreter und abstrakter Arbeit, was Marx den Doppelcharakter der Arbeit nennt. Eine außerordentlich wichtige Unterscheidung, denn es ist eben die abstrakte Arbeit, die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft schlechthin, welche den Wert der Ware bildet. Auf dieser Grundlage werden die Wertformen untersucht und im Ergebnis dieser Untersuchung Geld als allgemeines Äquivalent bestimmt, woran sich die Analyse des Austauschprozesses und der Warenzirkulation in allgemeiner Form anschließt.
Es ist hier nicht der Platz, den Inhalt des »Kapitals« zu rekapitulieren. Es soll nur angedeutet werden, wie Marx von den abstraktesten Bestimmungen zu immer bestimmungsreicheren, also zu konkreteren übergeht. So kommt es eben, daß im ersten Abschnitt dieses Werk nur abstrakt von den allgemeinen Formen der Warenwirtschaft gehandelt wird und vom Kapital gar nicht die Rede ist. Aber dies ist notwendig, damit die konkreteren Bestimmungen der kapitalistischen Ökonomie nicht nur beschrieben, sondern auch begriffen werden können, weil sie auf jenen abstrakten Momenten beruhen und aus ihnen hervorgegangen sind. So untersucht er erst hier und auf der Grundlage der bisher untersuchten abstrakten Momente der kapitalistischen Produktionsweise die Verwandlung von Geld in Kapital, eine weitere Konkretion in ihrer Analyse, die ihrerseits Ausgangspunkt für die weitere geistige Reproduktion der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in ihren genetischen und funktionalen Zusammenhängen ist. Dem entspricht auch die Grobstruktur des »Kapitals«. Im ersten Band wird der Produktionsprozeß des Kapitals untersucht, im zweiten Band der Zirkulationsprozeß des Kapitals und im dritten der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion als Einheit von Produktionsprozeß und Zirkulationsprozeß. Erst hier behandelt Marx die konkreten Erscheinungsformen des Kapitals, um deren Begreifen es ja schließlich geht, wie z. B. Profit, Profitrate im Verhältnis zur Mehrwertrate, Unternehmergewinn, Zins, Bankkapital, Kredit und fiktivem Kapital. Sie erklären sich an dieser Stelle aus der vorangegangenen Untersuchung der im Hinblick auf die Gesamtheit der kapitalistischen Produktionsweise abstrakten Momente und des systematischen Aufstieges zu ihren immer konkreteren Bestimmungen als Einheit dieser abstrakten Momente und Zusammenhänge, die uns schließlich ein Begreifen dieser Produktionsweise in ihrer Einheit von Wesen und Erscheinung ermöglichen.
Im Flusse der Bewegung
Dieses Begreifen schließt die Erkenntnis ihrer historischen Entwicklungstendenz ein. Marx formuliert sie unter anderem so: »Das Kapital zeigt sich immer mehr als gesellschaftliche Macht, deren Funktionär der Kapitalist ist und die in gar keinem möglichen Verhältnisse mehr zu dem steht, was die Arbeit des einzelnen Individuums schaffen kann – aber als entfremdete, verselbständigte gesellschaftliche Macht, die als Sache, und als Macht des Kapitalisten durch diese Sache, der Gesellschaft gegenübertritt. Der Widerspruch zwischen der allgemeinen gesellschaftlichen Macht, zu der sich das Kapital gestaltet, und der Privatmacht der einzelnen Kapitalisten über diese gesellschaftlichen Produktionsbedingungen entwickelt sich immer schreiender und schließt die Auflösung dieses Verhältnisses ein, indem sie zugleich die Herausarbeitung der Produktionsbedingungen zu allgemeinen, gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktionsbedingungen einschließt« (MEW 25, 274). Diese Einsicht in die fundamentale Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise und die daraus erwachsende historische Entwicklungstendenz ist das Ergebnis der im Zuge des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten gewonnenen Einheit des Mannigfaltigen im theoretischen Denken, die erst eine begreifende Erkenntnis sowohl der mannigfaltigen Momente des Ganzen als auch des Ganzen selbst und seiner immanenten Bewegung ermöglicht. Genau das hat Marx mit seinem »Kapital« geleistet.
Aber was hat das mit dem Verhältnis von Philosophie und Ökonomie zu tun? Man möchte fast sagen: alles, denn beide sind in dem Hauptwerk von Marx zu einer Einheit verschmolzen. Die im »Kapital« angewandte und in der genannten »Einleitung« charakterisierte Methode theoretischer Erkenntnis ist durchaus philosophischen Ursprungs. Sie geht zurück auf die zuerst von Hegel namentlich in der »Wissenschaft der Logik« systematisch entwickelte, angewandte und dargestellte dialektische Methode begreifenden Denkens. Für Hegel selbst handelte es sich freilich um die Methode spekulativen philosophischen Denkens. Bei Marx wird im »Kapital« daraus die Methode der theoretischen Erkenntnis einer vielgestaltigen komplexen gesellschaftlichen Ganzheit, nämlich der kapitalistischen Produktionsweise. So sind Philosophie und ökonomische Untersuchung auf das engste miteinander verflochten. Philosophie kommt hier dank der Ökonomie herunter aus den Höhen spekulativen Denkens, und die Ökonomie entfaltet auch dank der Philosophie in vollem Maße ihre Potenzen begreifender Erkenntnis.
Da diese auf das Begreifen des Ganzen und seiner geschichtlichen Entwicklungstendenz gerichtete dialektische Methode, derer sich Marx bedient, begreiflicherweise der Interessenlage bürgerlicher Ökonomie widerspricht, haben nicht wenige ihrer Vertreter genau sie zum Ziel ihrer Angriffe gemacht. Im Nachwort zur zweiten Auflage des »Kapital« hat Marx darauf eine grundsätzliche Antwort gegeben, indem er über die Dialektik unter diesem Gesichtspunkt schrieb: »In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.« (MEW 23, S. 27 f.)
In diesem philosophischen Geiste war Marx stets auch Philosoph.
Friedrich Kumpf war Professor für Geschichte der Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin
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